Die europäische Politik könnte vom Fischerei-Wissen der indigenen Bevölkerung profitieren
Kleine lateinamerikanische Fischereien(öffnet in neuem Fenster) sehen sich verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen gegenüber. Diese werden durch transnationale Unterschiede in Bezug auf Sprachen, Institutionen und Governance, die ein wirksames Meeresmanagement behindern, noch verschärft. Derweil werden innerhalb dieser Länder wirksame Bemühungen um ein Meeresmanagement erschwert – durch ungleichen Zugang zu den Fischgründen, Verschlechterung der Lebensräume, Wettbewerb zwischen den Sektoren, zunehmende Verstädterung und Tourismus sowie Auswirkungen großer Infrastrukturen wie Häfen und Windparks. „Es ist besorgniserregend, dass die neuen Initiativen der Blauen Wirtschaft(öffnet in neuem Fenster) keine Lösung bieten, sondern die bestehenden sozialen Kämpfe möglicherweise eher verstärken“, sagt André Colonese, Koordinator des EU-finanzierten Projekts TRADITION(öffnet in neuem Fenster), das sich mit der Kleinfischerei in Brasilien – von der Vorzeit bis zur Gegenwart – befasste. Colonese argumentiert, dass die Ergebnisse von TRADITION Erkenntnisse für die europäische Fischerei und politische Entscheidungsträger(öffnet in neuem Fenster) bieten, insbesondere im Hinblick auf die Nachhaltigkeit.
Verknüpfung archäologischer, historischer und zeitgenössischer Erkenntnisse
Da es keine vor-europäischen schriftlichen Aufzeichnungen gibt, wurde erst durch die Archäologie aufgedeckt, wie frühere indigene Gruppen mit der Küstenlandschaft interagierten, sie verwalteten und sie schätzten. Anhand historischer Dokumente, wie etwa Regierungsberichte, konnte neben der Systemdynamik in großem Maßstab auch der Einfluss politischer Regierungsformen und der Fischereipolitik untersucht werden. Darüber hinaus ermöglichte die Analyse von Zeitungsarchiven eine Bewertung der Verbraucherwahrnehmung von Meeressystemen über einen Zeitraum von 200 Jahren. Das vom Europäischen Forschungsrat(öffnet in neuem Fenster) unterstützte Vorhaben TRADITION arbeitete auch mit zeitgenössischen Küstengemeinden in der Bucht von Babitonga (Santa Catarina, Südbrasilien) und auf der Insel São Luís (Maranhão, Nordbrasilien) zusammen, um zu verstehen und zu vergleichen, wie historische Entwicklungen das tägliche Leben beeinflussten. Babitonga wurde aufgrund der außergewöhnlichen Aufzeichnungen ausgewählt, darunter gut erforschte archäologische Stätten, die bis zu 6 000 Jahre zurückreichen. Da es sich um eine der größten industriellen Fischereigebiete Brasiliens handelt, konnte auch untersucht werden, wie der Sektor mit der handwerklichen Fischerei und den altüberlieferten Praktiken interagiert, sich überschneidet oder konkurriert. Auch die Insel São Luís bot Zugang zu archäologischen Stätten, bot jedoch eine alternative zeitgenössische Sichtweise, da dort der größte Teil der Anlandungen auf die Kleinfischerei entfällt. „Wir stellten fest, dass – trotz des Wachstums der industriellen Fischerei und Aquakultur in Südbrasilien – die Kleinfischerei für die Produktion, Verarbeitung und Lieferketten von Meeresfrüchten nach wie vor von entscheidender Bedeutung ist und eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit an den Tag legt“, erklärt Colonese von der Autonomen Universität Barcelona(öffnet in neuem Fenster), die das Projekt betreut. Wie erwartet, wurde bei den Gemeinschaften auf der Insel São Luís ein noch stärkeres Kulturerbe indigener Praktiken verzeichnet als bei den Babitonga-Gruppen mit einer stärker europäisch geprägten Fischereitradition. „Auffallend war jedoch, dass auf der Insel São Luís nach wie vor indigene Fischwehre verwendet wurden! Sie wurden vor mehr als vier Jahrhunderten erbaut und sind auch heute noch für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen lebenswichtig“, so Colonese. Eine weitere Überraschung war, dass größere Veränderungen der Küstensysteme oder der Meerestierpopulationen erst vor relativ kurzer Zeit stattfanden. Im Gegensatz dazu reichen solche Veränderungen in der nördlichen Hemisphäre bereits mehrere Jahrhunderte zurück. „In Brasilien werden die negativen Auswirkungen erst ab dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert deutlich, bedingt durch die intensivierte Fischerei, die durch die Politik, die wachsende Nachfrage und das Bevölkerungswachstum in den Küstengebieten vorangetrieben wurde“, fügt Colonese hinzu.
Von indigenem Wissen lernen
Die Ergebnisse von TRADITION sind für die heutigen politischen Debatten über die Auswirkungen und Grenzen globaler wirtschaftlicher Kräfte und Strategien von Relevanz. Anstatt den Druck der industriellen Fischereiflotten auf die Meeresökosysteme zu verstärken, könnten EU-Initiativen beispielsweise die europäische Kleinfischerei besser unterstützen. „Menschen, die von lokalen Ressourcen abhängig sind und im Falle erschöpfter Vorräte nicht umziehen können, verfügen über wertvolles Detailwissen hinsichtlich der Risiken der Ausbeutung. Wir sollten dieses Wissen stärker nutzen und gleichzeitig die lokale Ernährungssicherheit, die Beschäftigung und den Wert des kulturellen Erbes fördern“, erklärt Colonese. Colonese argumentiert jedoch, dass eine derart fundierte Politikgestaltung die kontinuierliche Erhebung von sozialen, technologischen, finanziellen und ökologischen Fischereidaten erfordert, um den Fortschritt zu überwachen, was langfristiges Engagement und politischen Willen erfordert.