Skip to main content
Weiter zur Homepage der Europäischen Kommission (öffnet in neuem Fenster)
Deutsch de
CORDIS - Forschungsergebnisse der EU
CORDIS

Article Category

Article available in the following languages:

Verfügen Frauen über mehr emotionale Intelligenz als Männer?

Eine bahnbrechende Studie legt nahe, dass die Debatte über Geschlecht und emotionale Intelligenz einem völlig neuen Ansatz folgen muss.

Es herrscht die weitverbreitete Ansicht, dass Frauen über mehr emotionale Intelligenz als Männer verfügen. Um diesem altbekannten Stereotyp auf den Grund zu gehen, führten mehrere Universitäten in Europa eine großangelegte Studie durch, die sich über fast drei Jahrzehnte erstreckte. Die Analyse stützte sich auf 1 279 wissenschaftliche Arbeiten und es wurden Daten von 609 278 Personen aus 76 Ländern einbezogen. Die Ergebnisse zeigten, dass Frauen besser in der Lage sind, Gefühle zu erkennen und zu verstehen. Bei der Emotionsregulation ergab sich jedoch ein anderes Muster. Männer und Jungen schnitten bei der Bewältigung ihrer eigenen Gefühle im Allgemeinen besser ab, während Frauen beim Umgang mit den Emotionen anderer vorn lagen. Die Erkenntnisse wurden in der Fachzeitschrift „Emotion“(öffnet in neuem Fenster) veröffentlicht.

Was wir zu wissen glauben

„Frauen sind emotional intelligent. Männer glauben, dass sie es sind“, kommentierte Jochen Menges, Professor für Führungskompetenz an der Universität Cambridge, in einer Pressemeldung(öffnet in neuem Fenster). „Bei leistungsbasierten Tests ist der Vorsprung der Frauen in Hinsicht auf die allgemeine emotionale Intelligenz deutlich größer. Bei Selbsteinschätzungen verschwindet er fast vollständig. Selbstwahrnehmung und nachgewiesene Fähigkeiten sind nicht austauschbar.“ Das Forschungsteam konnte den Grund für diese Diskrepanz nicht aufklären. „Die Kluft zwischen tatsächlicher Leistung und Wahrnehmung ist faszinierend. Männer überschätzen möglicherweise ihre emotionalen Fähigkeiten, Frauen könnten ihre unterschätzen, oder beides trifft gleichzeitig zu“, erklärte Menges. „Unsere Daten lassen keine Aussage darüber zu, welche Begründung zutrifft. So oder so: Selbstvertrauen und Kompetenz sind nicht dasselbe. Einrichtungen und Unternehmen sollten diese beiden Begriffe nicht durcheinanderbringen.“ „In unseren Erkenntnissen deutet sich an, dass gängige Annahmen über die emotionalen Fähigkeiten von Frauen und Männern oft zu pauschal sind“, erklärte Mary Hausfeld, Assistenzprofessorin für Management an der University of Limerick. „Anstatt Stereotypen zu verstärken, deuten die Erkenntnisse auf ein eher differenzierteres Bild hin, in dem geschlechtsspezifische Unterschiede je nach untersuchter emotionaler Fähigkeit und dem Kontext, in dem sie gemessen wird, variieren.“ Anhand der Daten aus rund drei Jahrzehnten konnten die Forscherinnen und Forscher beobachten, wie sich die Dinge im Lauf der Zeit veränderten. Sie fanden heraus, dass sich der allgemeine Unterschied in der emotionalen Intelligenz zwischen den Geschlechtern in den letzten Jahren verringert hat.

Emotionale Intelligenz als weibliche Eigenschaft betrachten

Eine hohe emotionale Intelligenz hilft uns dabei, im Beruf bessere Leistungen zu erbringen, leichter mit Stress umzugehen sowie durch gute Kommunikation und Konfliktlösungsstrategien stärkere Beziehungen am Arbeitsplatz aufzubauen. Deshalb kann das Verständnis, wie sich emotionale Intelligenz auf die Leistung am Arbeitsplatz und Geschlechterwahrnehmungen auswirkt, dazu beitragen, berufliche Umfelder neu zu gestalten. „Die hartnäckige Annahme, dass Frauen von Natur aus über eine höhere emotionale Intelligenz verfügen, kann zwei gegensätzliche Risiken mit sich bringen. Echte Unterschiede könnten als unwissenschaftlich abgetan werden, wodurch potenzielle Stärken verschleiert werden. Gleichzeitig können vereinfachende Behauptungen Stereotypen erst recht verstärken und dazu führen, dass Frauen am Arbeitsplatz ein unverhältnismäßig großer Anteil an emotionalen und sozialen Verantwortlichkeiten zugewiesen wird“, fügte Menges hinzu. Insgesamt deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass die Frage, ob Männer oder Frauen im Allgemeinen emotional intelligenter sind, zu stark vereinfacht ist, denn dabei werden wesentliche Unterschiede in der Definition und Messung emotionaler Intelligenz außer Acht gelassen. „Die Frage, ob Frauen oder Männer emotional intelligenter sind, ist zu einschichtig gestellt“, beendete Menges seine Ausführungen. „Die besseren Fragen lauten: Welche emotionale Fähigkeit, wie gemessen, auf wen ausgerichtet und in welchem Kontext beobachtet? Das ist die Richtung, die die Wissenschaft eingeschlagen hat, und ich rate den Einrichtungen und Unternehmen, es ihr gleichzutun, um zu besseren Entscheidungen zu gelangen.“