Bürgerbeobachtungsstellen wandeln bürgergenerierte Daten in verlässliche Erkenntnisse um
Luftverschmutzung, Lärm, städtische Wärmeinseleffekte und Industrieemissionen betreffen Stadtviertel selten in gleichem Maße. Offizielle Messstationen können diese feinen Unterschiede nicht erfassen, sodass die Gemeinschaften oft schon lange, bevor Daten das Problem bestätigen, die Auswirkungen zu spüren bekommen. Diese Lücke ist in benachteiligten Gebieten am größten, wo die Bevölkerung den geringsten Einfluss auf politische Entscheidungen hat. Das Team des EU-finanzierten Projekts CitiObs(öffnet in neuem Fenster) unterstützt Gemeinschaften dabei, Bürgerbeobachtungsstellen aufzubauen, zu stärken und auszuweiten. In diesen langfristigen Partnerschaften zwischen Anwohnerschaft, Forschenden, Behörden und lokalen Interessengruppen werden die projekteigenen Instrumentarien, Methoden zur Qualitätssicherung sowie ein Skalierungsmodell genutzt, das weltweit bereits in mehr als 85 Fällen zum Einsatz gekommen ist.
Menschen, Daten und Systeme vernetzen
Im Rahmen des Projekts werden Bürgerbeobachtungsstellen inklusiver gestaltet, die Teilhabe gestärkt und bürgergeführte lokale Maßnahmen unterstützt. Zudem wurde die Qualität der von Bürgerinnen und Bürgern generierten Daten verbessert und deren Nutzung in anderen Systemen und Softwareprogrammen vereinfacht, sodass sie auf allen Ebenen in Forschung, Politik und Governance einfließen können. „Unsere Bürgerbeobachtungsstellen verbinden Menschen, Daten und Systeme, um gemeinsam verlässliche Umweltinformationen zu generieren“, erklärt Projektkoordinatorin Nuria Castell vom Institut NILU(öffnet in neuem Fenster). Anhand eines Qualitätssicherungsrahmen werden die Beobachtungen der Bürgerinnen und Bürger mit denen von Referenzmessstationen verglichen, um verdächtige Messwerte herauszufiltern. Mithilfe von maschinellem Lernen werden validierte, von Mitmenschen erfasste Sensorbeobachtungen mit Satellitendaten und Atmosphärenmodellen zusammengeführt, wodurch hochauflösende Luftqualitätskarten für ganz Europa erstellt werden. Normen gewährleisten die Interoperabilität dieser Daten. Das Team von CitiObs untersucht, wie von Bürgerinnen und Bürgern generierte Beobachtungen operative Umweltdienste ergänzen könnten, beispielsweise durch die Unterstützung der Produkte des Copernicus-Dienstes zur Überwachung der Atmosphäre(öffnet in neuem Fenster) und bessere Umweltinformationen während sich rasch entwickelnder Ereignisse wie zum Beispiel Waldbränden. Überdies hat das Team von CitiObs gezeigt, dass vertrauensvolle Beziehungen genauso wichtig wie vertrauenswürdige Daten sind. „Bürgerbeobachtungsstellen verbinden Gemeinschaften, Wissenschaft und Verantwortliche der Politik und stärken damit nicht nur die Umweltüberwachung, sondern auch die Beteiligung der Öffentlichkeit, die Transparenz und das Vertrauen in umweltpolitische Entscheidungsfindungsprozesse“, merkt Castell an.
Erfolgsgeschichten liefern gemeinsame Erkenntnisse
Das projekteigene progressive Skalierungsmodell begann mit den fünf „Favoritenstädten“ Athen, Barcelona, Dublin, Kristiansand und Rotterdam, wo die Instrumente und Methoden des Projekts gemeinsam entworfen, getestet und verfeinert wurden. In dreißig „Allianz-Fällen“(öffnet in neuem Fenster) wurden diese Methoden an unterschiedliche Umweltprobleme und Verwaltungsstrukturen in ganz Europa angepasst. Mehr als fünfzig „Fellow-Fälle“, darunter Standorte in Afrika, Indien und Lateinamerika, wiesen das Potenzial für eine Wiederholung in Europa und international auf. Insgesamt liefen 87 Fälle in 27 Ländern, wobei einige Länder mehr als einen Fall umfassten. In Barcelona sammelten und analysierten Anwohnerinnen und Anwohner rund um die Plaça de la Virreina Lärmdaten, lieferten persönliche Erfahrungsberichte und gestalteten gemeinsam mit Kunstschaffenden Interventionen. Die Lösungen bekämpfen Lärm sowie verbessern gleichzeitig die körperliche und psychische Gesundheit sowie das Wohlbefinden der dort lebenden Menschen. Die Rotterdamer Initiative Luchtclub setzte stadtweit 600 Luftqualitäts-Sensorsets ein und prüfte gleichzeitig, wie Netzwerke dieser Art dauerhaft von der Gemeinschaft zu betreiben sind. Die Fallstudien verdeutlichen den Wert von sehr hochauflösenden lokalen Informationen einschließlich der Dokumentation der Belastung für die Menschen. Sie zeigen zudem, wie durch die Kombination aus Bürgerwissen und wissenschaftlichen Methoden eine bedarfsgerechtere lokale Umweltpolitik entsteht. Mit erweiterten Investitionen in Peer-to-Peer-Lernen in Form von virtuellen Workshops, Austauschprogrammen und praxisorientierten Gemeinschaften wurde auf die Begeisterung für Lernmöglichkeiten zwischen den Fallstudien reagiert. Unterschiede im Reifegrad der politischen Maßnahmen zwischen den Fallstudien unterstrichen, dass die Wirkung auch anhand einer gestärkten Umweltkompetenz, von Gemeinschaftsnetzwerken und Partnerschaften gemessen werden sollte und nicht lediglich anhand der Verabschiedung eines neuen Gesetzes oder einer neuen Richtlinie.
Wissensplattform für nachhaltige Wirkung
Im Rahmen des Projekts wurde eine frei zugängliche Wissensplattform aufgebaut, auf der die Instrumentarien, Weiterbildungsmaterialien und Fallstudien an einem Ort zusammengefasst sind. Dort bietet ein „Kochbuch“ eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für den Aufbau, die Stärkung und den Fortbestand einer Bürgerbeobachtungsstelle. In Kurzdossiers werden die Erkenntnisse des Projekts in praktische Empfehlungen für Verantwortliche der Politik auf städtischer, regionaler, nationaler und EU-Ebene umgesetzt. Mit CitiObs wurde durch die Verbindung strenger Datenvalidierung mit Bürgerbeteiligung den Gemeinschaften eine vertrauenswürdige Stimme bei Entscheidungen verschafft, die ihre lokale Umwelt prägen. Gleichzeitig wird dadurch die Bürgerwissenschaft von einer isolierten Überwachung in eine dauerhafte globale Infrastruktur für die Umweltpolitik verwandelt.