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Kann eine Erinnerung ausgelöscht werden?

Hält Sie nachts eine peinliche Erinnerung wach? Wünschten Sie, diese Erinnerung könnte aus Ihrem Gedächtnis gelöscht werden? Unser Experte Johannes Gräff hält das für möglich –, auch wenn die Sache einen Haken hat.

Zunächst sollten wir klären, was wir unter „ausgelöscht“ verstehen. Es gibt zwei große Denkschulen zu diesem Thema, wobei die erste vom russischen Nobelpreisträger Iwan Pawlow (nach dem der berühmte Pawlowsche Hund benannt ist) vertreten wird. In den 1920er Jahren vertrat er die Ansicht, dass das Verblassen von Erinnerungen durch einen aktiven Prozess der Verdrängung geschieht. In jüngerer Zeit wurde die wissenschaftliche These aufgestellt, dass das Auslöschen von Erinnerungen, insbesondere traumatischer Erinnerungen, eher mit dem erneuten Durchleben als mit dem Verdrängen dieser Erinnerungen zusammenhängen könnte. Das liegt daran, dass unsere Erinnerung jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, formbar wird und verändert werden kann – ein Phänomen, das in der Expositionstherapie genutzt wird. „Das Konzept der Speicherung von Erinnerungen in sogenannten Engrammzellen markierte in den vergangenen Jahren einen entscheidenden Durchbruch“, sagt Gräff, Forscher am Brain Mind Institute(öffnet in neuem Fenster) der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) in der Schweiz. „Die Idee dahinter ist, dass jedes Mal, wenn wir etwas Neues lernen oder erleben, Zellen in unserem Gehirn aktiviert werden, die eine Gedächtnisspur hinterlassen.“ Im Rahmen des vom Europäischen Forschungsrat(öffnet in neuem Fenster) finanzierten Projekt Remote memory traces gelang es Gräff und seinem Team, Neuronen bei Mäusen zu identifizieren und zu markieren, die durch eine bestimmte traumatische Erinnerung aktiviert werden. Versuche zeigten, dass das „Verlernen“ einer bestimmten Erinnerung in denselben Zellen stattfindet, die auch zur Speicherung der traumatischen Erinnerung genutzt werden. Dies deutet darauf hin, dass das Loslassen einer Erinnerung auf zellulärer Ebene geschieht. „Folgeuntersuchungen deuteten darauf hin, dass Mäuse die Erinnerung an ein traumatisches Ereignis erfolgreich verlernen oder, wenn man so will, auslöschen konnten“, fügt Gräff hinzu. „Genauer gesagt wurde jedoch die Assoziation zu einem bestimmten traumatischen Ereignis gelöscht.“

Ein Erinnerungsschalter

Könnten wir dieses Wissen nutzen, um bestimmte Erinnerungen gezielt anzuvisieren und auszulöschen? „Theoretisch ist das möglich“, bemerkt Gräff. „Bei Mäusen konnten wir einen molekularen Schalter in Engrammzellen einbauen. Durch das ‚Ausschalten‘ dieses Schalters wurde die Erinnerung effektiv beseitigt.“ Das Auslöschen einer Erinnerung im menschlichen Gehirn wäre jedoch um ein Vielfaches komplexer. „Könnten wir hypothetisch mittels Gentherapie bestimmte Neuronen ein- oder ausschalten?“, fragt sich Gräff. „Ich würde sagen ja, aber unter dem Vorbehalt, dass wir derzeit blind vorgingen, ohne sicher zu wissen, ob wir die eine oder die andere Erinnerung auslöschen. Daher ist dieser Ansatz derzeit schlicht nicht durchführbar.“ Im Hinblick auf die praktische Anwendung möchte Gräff auf Erkenntnissen zum „Verlernen“ traumatischer Ereignisse aufbauen, um beispielsweise zu prüfen, ob sichere pharmakologische Lösungen eingesetzt werden könnten, um den Nutzen einer Expositionstherapie zu steigern. Hiervon könnten Menschen mit PTBS, die traumatische Erinnerungen konfrontieren und hinter sich lassen möchten, enorm profitieren.