Europas Taxonomiekapazitäten stärken
Der Verlust der biologischen Vielfalt schreitet weltweit immer schneller voran, doch die Bemühungen zum Schutz der Ökosysteme stoßen häufig auf ein grundlegendes Hindernis: unzureichende taxonomische Kenntnisse. Zu wissen, welche Arten es gibt, wo sie vorkommen und wie sie sich verändern, ist für die Erhaltung, Regulierung und nachhaltige Nutzung von zentraler Bedeutung. Allerdings hat die Taxonomie als Fachdisziplin stetig an Bedeutung verloren: Es gibt immer weniger ausgebildete Fachleute, die Ressourcen sind zersplittert und die Sichtbarkeit in Politik und Bildung ist begrenzt.
Taxonomiekapazität ausbauen
Die Arbeit des EU-finanzierten Projekts TETTRIs(öffnet in neuem Fenster) zielt darauf ab, diesen Rückgang umzukehren, indem die Taxonomie als instrumentelle Wissenschaft zur Erhaltung der biologischen Vielfalt gestärkt wird. Als Ziel galt es, Wissenslücken zu schließen und dauerhafte Systeme aufzubauen, mit denen die Taxonomieforschung, die Ausbildung und berufliche Laufbahnen unterstützt werden. Das Projekt vereinte siebzehn Partner, darunter führende taxonomische Institutionen, die im Consortium of European Taxonomic Facilities (CETAF)(öffnet in neuem Fenster) zusammengeschlossen sind, die European Citizen Science Association (ECSA)(öffnet in neuem Fenster), vernetzte Forschungsinfrastrukturen, der Catalogue of Life (CoL)(öffnet in neuem Fenster) und das Distributed System of Scientific Collections (DiSSCo)(öffnet in neuem Fenster), sowie Fachleute aus der Nähe von Hotspots der biologischen Vielfalt. „Mit TETTRIs verfolgten wir das Ziel, die Art und Weise zu verändern, wie Taxonomie praktiziert, unterstützt und geschätzt wird, wobei wir in Menschen, Werkzeuge und Systeme investieren“, erklärt Ana Casino, Geschäftsführerin von CETAF und technische Koordinatorin von TETTRIs.
Marktplatz für Taxonomie-Ressourcen
Eine zentrale Innovation von TETTRIs ist der Marktplatz für elektronische taxonomische Dienstleistungen und Fachwissen, eine webbasierte Plattform, die eine strukturierte Zugangsstelle zu europaweiten Taxonomiekapazitäten bietet. Statt Rohdaten aufzunehmen, verbindet er die Nutzerschaft mit Fachleuten und Dienstleistungen, womit Expertise sichtbar, auffindbar und nachvollziehbar wird. Personen aus Forschung und Praxis sowie politisch Verantwortliche können mithilfe harmonisierter Metadaten nach Expertenprofilen und taxonomischen Dienstleistungen suchen, die ihren Bedürfnissen entsprechen, etwa bei der Identifizierung von Arten, beim Zugang zu Sammlungen oder bei angewandten Bewertungen der biologischen Vielfalt. Auf der Angebotsseite registrieren Taxonomiefachleute und -institutionen ihr Fachwissen entsprechend genormter Arbeitsabläufe, wodurch Konsistenz und Interoperabilität verbessert werden. „Mit dem Marktplatz wird das Ziel verfolgt, Sichtbarkeit, Zugänglichkeit und Rückverfolgbarkeit taxonomischer Kapazitäten zu verbessern und somit effizientere Verbindungen zwischen Forschung, Politik und dem Bedarf an angewandter Biodiversität zu unterstützen“, betont Casino.
Die nächste Taxonomiegeneration ausbilden
Der Aufbau von Kapazitäten bildet die zweite Säule des Projekts TETTRIs. Die Weiterbildungsaktivitäten orientierten sich an den Bedürfnissen der Praxis, wobei akademische Strenge mit praxisorientierter Arbeit vor Ort und öffentlicher Beteiligung an der Wissenschaft verbunden wurde. Die Programme reichten von E-Learning-Ressourcen und Mentoring bis hin zu Labor- und Feldschulungen und richteten sich an Studierende, den Forschungsnachwuchs, Fachleute und Freiwillige. Eine wichtige Errungenschaft war die Entwicklung von Kursen zur Ausbildung der Ausbildenden auf dem Gebiet der Boden- und Süßwasserfauna sowie Bestäuber. Bei diesen Kursen wurde Online-Lernen mit praktischem Training an Hotspots der biologischen Vielfalt kombiniert. In weiteren Workshops und Sommerschulen lernten die Teilnehmenden innovative Instrumente wie etwa molekulare Verfahren, KI-basierte Bildgebung und Tonerkennung kennen. „Unser Ziel war ein nachhaltiger Wissenstransfer“, hebt Casino hervor.
Vom Bewusstsein zur politischen Wirkung
Neben Forschung und Ausbildung wurde im Rahmen von TETTRIs viel in Sensibilisierung und politisches Engagement investiert. Der jährlich stattfindende Taxonomy Recognition Day(öffnet in neuem Fenster) entwickelte sich zu einer globalen Kommunikationskampagne unter dem Motto #NameItToSaveIt, die dazu beitrug, das Thema Taxonomie bei den Bürgerinnen und Bürgern, der Wirtschaft und den Verantwortlichen der Politik stärker ins Bewusstsein zu rücken. Eine Reihe von zehn Kurzdossiers und ein umfassender Entwurf, in dem die gewonnenen Erkenntnisse in praktische Empfehlungen zur Unterstützung und Förderung von Taxonomiekapazitäten umgesetzt werden, sowie die erfolgreiche Finanzierung von Satellitenprojekten zeigen, wie aus gezielten Investitionen greifbare Ergebnisse entstehen können. Nach Abschluss von TETTRIs wird weiter an den Ergebnissen gearbeitet, um einen Fahrplan zur stärkeren Verankerung der Taxonomie in Forschung, Governance und Bildung zu erstellen.