Ist Kultur das neue Kardiotraining?
Es ist allseits bekannt, dass regelmäßige sportliche Betätigung und eine gesunde Ernährung zu einem guten Altern beitragen. Doch was wäre, wenn Lesen, Singen, Malen, Musikhören oder der Besuch von Museen und Galerien die gleichen Vorteile für die Gesundheit und das Wohlbefinden bieten würden? Laut den Erkenntnissen eines Forschungsteams des University College London (UCL), die in der Fachzeitschrift „Innovation in Aging“(öffnet in neuem Fenster) vorgestellt wurden, kann die Teilnahme an künstlerischen und kulturellen Aktivitäten ebenfalls ein Schlüssel zum Jungbrunnen sein.
Die Kunst des guten Alterns
„Unsere Studie liefert den ersten Beweis dafür, dass künstlerisches und kulturelles Engagement mit einem langsameren biologischen Altern verbunden ist“, kommentierte die hauptverantwortliche Autorin Feifei Bu, Senior Research Fellow im Bereich Statistik/Epidemiologie, in einer Pressemitteilung(öffnet in neuem Fenster) des UCL. „Diese Erkenntnis stützt sich auf eine wachsende Zahl von Belegen für die gesundheitlichen Auswirkungen von Kunst, denn es hat sich gezeigt, dass künstlerische Aktivitäten Stress abbauen, Entzündungen verringern und das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen lindern, so wie es auch bei sportlicher Betätigung bekanntermaßen der Fall ist.“ Anhand der Daten einer Langzeitstudie im Vereinigten Königreich untersuchten die Forscherinnen und Forscher Blutproben und Umfrageergebnisse von mehr als 3 500 Erwachsenen, die sich teils intensiv mit kreativen Aktivitäten beschäftigen und teils kaum etwas mit Kunst zu tun haben. Die Probandinnen und Probanden beantworteten eine Vielzahl von Fragen, die sich auf ihre sportlichen Betätigungsgewohnheiten bis hin zu über 40 verschiedenen künstlerischen Aktivitäten erstreckten. Das Forschungsteam nutzte daraufhin epigenetische Uhren, um die Alterungsrate der Probandinnen und Probanden zu ermitteln. Eine epigenetische Uhr ist ein Instrument, das die körperliche Alterungsgeschwindigkeit misst.
Ein vielfältiges künstlerisches Menü
Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen, die regelmäßig an einem breiten Spektrum kultureller Aktivitäten teilnehmen, tatsächlich langsamer altern und biologisch jünger bleiben. Wer sich bereits einmal pro Woche künstlerisch betätigt, altert um 4 % langsamer als Menschen, die nur selten an entsprechenden Aktivitäten teilnehmen. Dieser „Anti-Aging“-Schub war bei Erwachsenen über 40 Jahren am stärksten ausgeprägt, und die Vorteile hatten auch dann Bestand, als Lebensstilfaktoren wie Gewicht, Tabakkonsum, Bildung und Einkommen berücksichtigt wurden. „Diese Ergebnisse zeigen die gesundheitlichen Auswirkungen von Kunst auf biologischer Ebene. Sie liefern Beweise dafür, dass Kunst und kulturelles Engagement ähnlich wie sportliche Betätigung als gesundheitsförderndes Verhalten betrachtet werden sollten“, erklärte die leitende Autorin Daisy Fancourt, Professorin für Psychobiologie und Epidemiologie. „Unsere Studie deutet auch darauf hin, dass die Teilnahme an einer Vielzahl von künstlerischen Aktivitäten hilfreich sein kann. Das mag daran liegen, dass jede Aktivität unterschiedliche gesundheitsförderliche ,Inhaltsstoffe‘ hat, beispielsweise körperliche, kognitive, emotionale oder soziale Stimulation.“ „Unsere Forschung zeigt, dass sowohl die Häufigkeit als auch die Vielfalt von Bedeutung sind“, erklärte Bu gegenüber der „CNN“(öffnet in neuem Fenster). „Der ,beste‘ Weg ist individuell unterschiedlich – je nach Interessen, verfügbaren Möglichkeiten und bevorzugten Angewohnheiten.“ „Uns ist oftmals instinktiv bewusst, dass die Teilnahme an kreativen und kulturellen Aktivitäten für ein glückliches, erfülltes Leben unerlässlich ist“, erklärte Hollie Smith-Charles, Direktorin für kreative Gesundheits- und Veränderungsprogramme beim Arts Council England, „The Guardian“(öffnet in neuem Fenster). „Diese beeindruckenden neuen Ergebnisse sind ein weiterer Beweis dafür, dass Kunst, Museen und Bibliotheken einen Beitrag zu einem längeren guten Leben leisten, und demonstrieren, wie wichtig es ist, dass alle überall Zugang zu einem exzellenten und erschwinglichen kulturellen Angebot haben.“