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Besitzen Menschen verborgene Regenerationskräfte?

Forschungsteams schlagen eine neue Methode vor, um die schlummernde Fähigkeit zu aktivieren, bei Säugetieren verlorene Gliedmaßen nachwachsen zu lassen.

Zu allen Zeiten haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Tatsache, dass Menschen und andere Säugetiere verlorene Körperteile nicht wieder wachsen lassen können, als eine große Einschränkung betrachtet. Während Tiere wie Salamander ganze Gliedmaßen nachwachsen lassen können, heilen beim Menschen die Verletzungen meist nur über die Bildung von Narbengewebe. Da wir zur Heilung in der Lage sind, liegt die Kraft zur Regeneration in uns, aber sie ist ungenutzt. Wird der Tag kommen, an dem der Mensch die Fähigkeit seines Körpers zur Regeneration verlorener Körperteile aktivieren kann?

Heilung beim Menschen neu denken

Ein Forschungsteam unter der Leitung des Texas A&M College of Veterinary Medicine and Biomedical Sciences (VMBS) geht davon aus, dass Säugetiere möglicherweise tatsächlich Körperteile nachwachsen lassen können. Anstatt dass diese Fähigkeit gänzlich fehlt, könnte sie im normalen Heilungsprozess des Körpers verborgen sein und nur darauf warten, aktiviert zu werden. „Warum manche Tiere sich regenerieren können und andere, insbesondere der Mensch, nicht, ist eine große Frage, die spätestens seit Aristoteles gestellt wird“, kommentierte Ken Muneoka, Professor am Department of Veterinary Physiology & Pharmacology (VTPP) des VMBS, in einer Pressemitteilung(öffnet in neuem Fenster). Der antike griechische Philosoph interessierte sich sehr für die Natur und fragte sich, warum manche Lebewesen Teile ihres Körpers regenerieren können, während andere, insbesondere der Mensch, nicht dazu fähig sind. Die in der Fachzeitschrift „Nature Communications“(öffnet in neuem Fenster) veröffentlichte Studie stellt einen Prozess vor, der es Säugetieren ermöglicht, Knochen, Gelenke und Bänder zu regenerieren, die sie sonst nicht nachwachsen lassen könnten. Das Forschungsteam wandte einen zweistufigen Prozess an, der nachbildet, wie mit regenerativen Kräften ausgestattete Tiere nach einer Amputation Gewebe neu wachsen lassen.

Die Superkraft der Natur entfesseln

Die Forscherinnen und Forscher erreichten dies mithilfe einer Methode mit der Bezeichnung epimorphe Regeneration, mit der manche Tiere ein komplexes Körperteil, beispielsweise eine ganze Gliedmaße, nach Verlust oder Verletzung wieder nachwachsen lassen können. Dabei sammelten sich benachbarte Zellen und bildeten eine Struktur, das Blastem, das als Basis für das Wachstum der neuen Gliedmaße dient. Unter Einsatz eines speziell entwickelten Serums, mit dem gezielte Signale an die Zellen gesendet wurden, konnte die Forschungsgruppe erfolgreich das Wachstum eines Blastems bei Labormäusen auslösen und somit den Prozess der Gliedmaßenregeneration effektiv steuern. Ein großer Vorteil des zweistufigen Prozesses besteht darin, dass die für die Regeneration benötigten Zellen bereits vorhanden sind. Das Forschungsteam muss sie nur noch dazu bringen, sich wie gewünscht zu verhalten. VTPP-Professor Larry Suva merkte an, dass diese Erkenntnisse die Art und Weise verändern, wie die Wissenschaft die Grenzen der Heilung bei Säugetieren wahrnehmen. „Zellen, die wir für unprogrammierbar hielten, sind es in Wirklichkeit. Das Potenzial fehlt nicht – es ist nur verschleiert.“ Diese Entdeckung wird zwar wahrscheinlich in absehbarer Zeit nicht das vollständige Nachwachsen von Gliedmaßen ermöglichen, bietet aber wertvolle Einblicke in die Funktionsweise unseres Körpers bei der Heilung schwerer Verletzungen. Diese Studie verändert außerdem unsere Sichtweise auf die Heilung. Säugetiere haben die Fähigkeit, Gliedmaßen nachwachsen lassen zu können, nicht verloren, sie ist nur ausgeschaltet und wartet darauf, wieder eingeschaltet zu werden. „Das verändert die Art und Weise, wie wir darüber denken, was möglich ist“, fügte Suva hinzu. „Sobald nachgewiesen wird, dass Regeneration aktivierbar ist, eröffnet sich die Möglichkeit, völlig neue Fragen zu stellen.“ Diese Fragen trieben Muneokas Forschung voran, und nun verfügt er über einen neuen Ausgangspunkt für seine Arbeit. „Das Versagen der Regeneration bei Säugetieren kann behoben werden. Jetzt besitzen wir ein Modell, anhand dessen wir herausfinden können, wie.“

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