Potenzial gesetzlicher Rechte der Natur erforschen
Weltweit werden immer mehr Flüsse, Wälder und Ökosysteme mit gesetzlichen Rechten ausgestattet. Dieses rechtliche Rahmenwerk, das als „Recht der Natur“ bezeichnet wird, erkennt das Recht natürlicher Gebilde an, um ihrer selbst willen zu existieren, und nicht nur wegen ihres Wertes für den Menschen. „Im Kern geht es beim Recht der Natur darum, Ökosysteme, Flüsse und Wälder aus der Kategorie des ‚Andersartigen‘ in die Kategorie des ‚Wir/Uns‘ zu verschieben“, erklärt Jingjing Wu(öffnet in neuem Fenster), außerordentliche Professorin für EU- und internationales Recht an der Süddänischen Universität(öffnet in neuem Fenster). Dieses aufkommende Konzept birgt großes Potenzial für den Naturschutz in einer Welt, die voller Umweltprobleme ist. Es besteht jedoch eine entscheidende Lücke im Verständnis der rechtlichen Durchsetzbarkeit und Wirksamkeit dieser Rechte. „Damit dieser Wandel greifbare Vorteile bringt, benötigen Rechtssysteme praktikable Regeln für Fragen wie: Wer kann für die Natur sprechen? Wie werden Ansprüche im Zusammenhang mit dem Recht der Natur durchgesetzt? Und wie können Institutionen tatsächlich darauf reagieren?“, fügt Wu hinzu. Im Rahmen des innerhalb der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen(öffnet in neuem Fenster) finanzierten Projekts HRoN versuchten Wu und ihr Team, diese Wissenslücke zu schließen und die offensichtlichen Unterschiede in der Wirksamkeit des Rechts der Natur in verschiedenen Rechtsordnungen und Ländern zu untersuchen. Die Projektgruppe nutzte interdisziplinäre Methoden und führte Fallstudien in Amerika und Ozeanien durch, um in naher Zukunft die Entscheidungsfindung der EU zu lenken.
Erforschung der rechtlichen Rahmenbedingungen, unter denen das Recht der Natur funktioniert
Während der gesamten Projektzeit konzentrierte sich Wus theoretische Arbeit auf eine übergeordnete Frage: Wenn ein Rechtssystem der Natur Rechte oder den Status als juristische Person zuerkennt, welche rechtlichen Rahmenbedingungen sorgen dann tatsächlich dafür, dass diese Gewährung funktioniert, oder auch nicht? In ihrem erstveröffentlichten Artikel(öffnet in neuem Fenster) befasste sie sich mit Ecuador, dem weltweit ersten Land, das die Rechte der Natur in seiner Verfassung verankert hat. Anhand des Falls des Walds in Los Cedros aus dem Jahr 2021 wird in dem Artikel geprüft, wie das Recht auf indigenen spirituellen Konzepten wie „Pachamama“ (Mutter Erde) und „Sumak Kawsay“ (Leben in Harmonie mit der Natur) aufbaut. „Dies zeigte, dass sich diese Art spirituell begründeter Argumentation ganz anders verhält als gewöhnliche juristische Argumentation, da sie nicht gegen konkurrierende Rechte abgewogen oder durch neue Beweise widerlegt werden kann“, erklärt Wu. „Das ist zwar ein starkes Argument für den Naturschutz, führt aber auch zu einer echten Unvorhersehbarkeit vor Gericht, da das Ergebnis letztlich stark von den Weltanschauungen oder Präferenzen der einzelnen Richterinnen und Richter abhängt.“ In ihrem zweiten Beitrag(öffnet in neuem Fenster) ging sie der praktischen Frage nach, wie indigene Gemeinschaften für die Natur sprechen können, wenn ihre Stimmen derart oft ignoriert werden. „Anhand von Fällen aus Brasilien, Australien und Ecuador wurde darin dargelegt, was ein wirklich respektvoller Umgang mit den Stimmen Indigener erfordern würde.“ Im Rahmen eines dritten Beitrags, der gegenwärtig geprüft wird, wird ein formellerer juristischer Test erarbeitet, der diese Erkenntnisse miteinander verknüpft.
Auf dem Weg zur Formel für europäische Rechte der Natur
Bis Anfang 2025 wurden weltweit über 540 Initiativen zum Recht der Natur und damit in Verbindung stehenden Themen erfasst. Innerhalb der EU hat jedoch nur Spanien entsprechende Bestimmungen auf nationaler Ebene eingeführt. „Gerade in dieser Kluft zwischen globaler Dynamik und europäischer Zurückhaltung liegt der wichtigste Beitrag des Projekts“, erläutert Wu. „Europäische Institutionen argumentieren oft, dass den Rechten der Natur konzeptionelle Stringenz fehle, und innerhalb von HRoN wird demonstriert, wie ein rechtlich exaktes und normativ verantwortungsvolles Recht der Natur aussehen könnte.“ Ein weiterer Höhepunkt war ein internationales Symposium, bei dem die neuesten Forschungsergebnisse mit innovativen und immersiven Workshops kombiniert wurden, in denen die Beteiligten mithilfe von Naturelementen eine Verbindung zu ihrem inneren Selbst herstellten. Wus Arbeit wird auf mehreren Ebenen fortgesetzt, unter anderem im Rahmen einer neuen, auf fünf Jahre angelegten Finanzhilfe, mit deren Unterstützung erkundet wird, wie das Recht der Natur Aufschluss über die Regulierung des Tiefseebergbaus geben kann. „Dabei handelt es sich um einen Bereich, über den wir fast nichts wissen, geschweige denn, welche Verordnungen geeignet sind“, bekräftigt Wu.