Erforschung der Faktoren, die das Ernährungsverhalten von Säuglingen in kulturell unterschiedlichen Ländern beeinflussen
Die Ernährung von Säuglingen ist eine persönliche Angelegenheit, die jedoch je nach Kultur wesentliche Unterschiede aufweist. In Finnland beginnen nahezu alle Mütter mit dem Stillen, während die Initiationsrate in Irland bei etwas über 60 % liegt. Mütter in diesen Ländern stehen vor ähnlichen Herausforderungen, darunter finanzielle Engpässe, mangelnde Unterstützung sowie die Sexualisierung der Brust. Dies lässt darauf schließen, dass die Art der Säuglingsernährung weniger eine bewusste Entscheidung als vielmehr das Ergebnis komplexer, sich überschneidender Faktoren ist. „Wäre Stillen ausschließlich eine individuelle Entscheidung, gäbe es keinen Grund dafür, dass sich ‚choices‘ so unterschiedlich über Länder, Regionen und sozioökonomische Gruppen hinweg verteilen“, erklärt Jenny Säilävaara(öffnet in neuem Fenster), eine Forscherin an der University of Jyväskylä(öffnet in neuem Fenster) (JYU), Finnland. „Diese systematischen Unterschiede zeigen uns, dass es strukturelle Faktoren gibt, auf die eine einzelne Mutter allein keinen Einfluss nehmen kann.“ Dies war der Ausgangspunkt für das von Marie Skłodowska-Curie Actions(öffnet in neuem Fenster) geförderte Projekt INFEDE von Säilävaara, das an der Maynooth University in Irland(öffnet in neuem Fenster) angesiedelt ist. „Ich wollte das Augenmerk vom Individuum auf die Strukturen verlagern und untersuchen, welche Faktoren die Unterschiede zwischen den Ländern erklären“, sagt sie.
Von Fachkräften zu Müttern: zwei Quellen von Erkenntnissen
Grundlage für das Projekt war eine Umfrage, die an Fachkräfte und Ehrenamtliche im Bereich der Stillberatung in Irland und Finnland verschickt wurde. Die Ergebnisse vermittelten Säilävaara Einblicke darin, wie die mit Müttern arbeitenden Fachkräfte die Situation einschätzen, beispielsweise wie sie die ständigen Budgetkürzungen erleben, von denen die Organisationen betroffen sind. Säilävaara nutzte daraufhin narrative Interviews, um Geschichten über die Säuglingsernährung von Müttern unterschiedlicher Herkunft zu sammeln. An den Interviews nahmen Mütter teil, die in Irland und Finnland leben, Roma-Mütter in Irland und Finnland sowie finnische Mütter, die in Irland entbunden hatten.
Eine Untersuchung der Lebenserfahrungen von Müttern in verschiedenen Kulturen
Säilävaara wollte die Lebenserfahrungen der Mütter verstehen: wie Mütter in Irland und Finnland über die Säuglingsernährung sprechen, wie sie ihre eigenen Erfahrungen einordnen und welche Art von Unterstützung sie erhielten – oder nicht erhielten. „Aus diesen Berichten ging hervor, dass sich die Unterschiede zwischen den Ländern nicht auf die Einstellungen oder die Motivation einzelner Mütter zurückführen lassen“, merkt Säilävaara an. In Finnland wird das Stillen kulturell eher erwartet, während in Irland die Ernährung mit Säuglingsnahrung tendenziell weiter verbreitet ist – was nicht zuletzt auf den erheblichen Einfluss der Hersteller von Säuglingsnahrung und die Art und Weise zurückzuführen ist, wie ihre Produkte von Anfang an beworben werden, und zwar auch in Krankenhäusern. Interviews in beiden Ländern zeigten, wie stark der Begriff der Mutterschaft mit gesellschaftlichen Normen verknüpft ist, und machten deutlich, unter welchem Druck die Betroffenen stehen, bestimmte Erwartungen zu erfüllen. Diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht stillten, sahen sich einem erheblichen Druck ausgesetzt, diese Entscheidung rechtfertigen zu müssen – und das galt auch für Irland, wo die Verwendung von Säuglingsnahrung eher akzeptiert ist. „Was mich vielleicht am meisten beeindruckt hat, war, wie viele Mütter davon berichteten, sich sehr allein zu fühlen“, fährt Säilävaara fort.
Zusammenhänge zwischen Mutterschaft und sozialen Normen
Säilävaras Botschaft an die breite Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger: Stillen ist nicht einfach eine individuelle Entscheidung, die durch Kampagnen oder Beratung gefördert werden kann. „Die Förderung des Stillens kann nicht allein durch Maßnahmen der Gesundheitskommunikation erfolgen, sondern erfordert durchdachte und differenzierte Maßnahmen“, so Säilävaara weiter. Sie hofft, dass die Studie auf EU-Ebene eine Diskussion darüber anstoßen wird, wie Ernährungsgewohnheiten gemessen und überwacht werden können, und dass dadurch deutlich wird, dass Veränderungen strukturelle Lösungen erfordern. „Ich möchte die Berichte über die Säuglingsernährung sowie die Erfahrungen von Müttern und stillenden Personen weiter untersuchen“, sagt Säilävaara. „Es gibt noch so viel zu lernen, wenn man ihnen zuhört.“