Soziale Hintergründe und Atemwegsinfektionen im Kindesalter
Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Verhältnissen sind anfälliger gegenüber Atemwegsinfektionen und leiden außerdem häufiger unter langfristigen Komplikationen. Doch ungeachtet einer wachsenden Sensibilisierung ist über die genauen Mechanismen, die soziale Benachteiligung mit Atemwegserkrankungen im Kindesalter verknüpfen, noch eher wenig bekannt. Atemwegsinfektionen entstehen durch mehrere einander überschneidende Faktoren in der frühen Lebensphase, beispielsweise die Wohn- und Umweltbedingungen, die häufig innerhalb bestimmter sozioökonomischer Gruppen gehäuft auftreten und auf komplexe Weise miteinander interagieren. In den bisherigen Forschungsarbeiten wurden diese Mechanismen nicht systematisch über verschiedene Bevölkerungsgruppen hinweg nachgeprüft. Eine weitere Herausforderung liegt in der Heterogenität der Ungleichheitsmuster zwischen den Ländern und in den verschiedenen Phasen der Kindheit. „Aufgrund dieser Komplexität sind die zugrunde liegenden Zusammenhänge noch nicht ausreichend verstanden“, erklärt Demetris Avraam(öffnet in neuem Fenster), Postdoktorand an der Universität Kopenhagen(öffnet in neuem Fenster). Im Rahmen des Projekts ESICRI, das innerhalb der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen(öffnet in neuem Fenster) unterstützt wurde, suchte Avraam nach weiteren Erkenntnissen in Bezug auf die zugrunde liegenden Mechanismen dieses Zusammenhangs. Es fand eine umfassende Untersuchung und Datenanalyse von über 200 000 Kindern aus sechzehn europäischen Geburtskohorten statt. Sein Ziel lautete, die sozialen, geografischen und kulturellen Zusammenhänge zu erkunden, die Risikofaktoren in der frühen Kindheit mit diesen Infektionen verknüpfen, um diese Belastung für Kinder in ganz Europa besser zu durchschauen.
Europaweite Analyse von Atemwegsinfektionen im Kindesalter
Die Projektarbeit begann mit deskriptiven Analysen, um die Prävalenz von Infektionen der oberen und unteren Atemwege im Kindesalter insgesamt sowie nach Bildungsniveau der Mutter, dem wichtigsten Indikator für den sozioökonomischen Hintergrund der Kinder, zu charakterisieren. Anschließend wandte Avraam statistische Modellierung an, um sozioökonomische Ungleichheiten in verschiedenen Altersstufen zu quantifizieren. Diese Modelle lieferten zwei Ungleichheitsmaße: ein absolutes (Differenz in der Infektionsprävalenz zwischen den Gruppen mit dem niedrigsten und dem höchsten sozioökonomischen Status) und ein relatives (Prävalenzverhältnis zwischen den Gruppen mit dem niedrigsten und dem höchsten sozioökonomischen Status). Parallel dazu entwickelte Avraam das „Paket dsMediation“, ein statistisches Instrumentarium, das eine kausale Mediationsanalyse ermöglicht und gleichzeitig den Datenschutz der Beteiligten gewährleistet. Damit konnte das Team von ESICRI, den analytischen Rahmen zur Überprüfung von Umwelt-, Verhaltens-, psychosozialen und perinatalen Faktoren in der frühen Kindheit als potenzielle Mediatoren festlegen und gleichzeitig die Prioritäten Europas im Bereich Digitalisierung und Datenschutz unterstützen.
Zusammenhang zwischen Infektionsraten und Ungleichheitsgradienten aufdecken
Die Projektarbeit lieferte mehrere wichtige Erkenntnisse, darunter die Feststellung, dass Atemwegsinfektionen im Kindesalter klaren altersabhängigen Mustern folgen, wobei Infektionen der oberen Atemwege ihren Höhepunkt im Alter von etwa einem und drei sowie Infektionen der unteren Atemwege im Alter von etwa zwei und vier Jahren erreichen. „Diese länderübergreifend konsistenten Entwicklungsmuster bieten eine solide Evidenzgrundlage für Präventionsstrategien in der frühen Kindheit“, stellt Avraam fest. Eine weitere Grunderkenntnis aus dem Projekt war eine deutliche Variation der Infektionsraten und Ungleichheitsgradienten über Kohorten und Länder hinweg. Während die Ungleichheiten in einigen Ländern scheinbar stärker ausgeprägt waren, waren sie in anderen schwächer oder kehrten sich sogar um, was darauf hindeutet, dass Kontext und Umweltbedingungen eine Hauptrolle beim Infektionsrisiko spielen.
Beitrag zur europäischen Politik für Präventivmaßnahmen
Die Ergebnisse besitzen eine klare praktische politische Relevanz, teilt Avraam mit. „Die deutlichen altersspezifischen Spitzenwerte heben das Umfeld der frühen Kindheit, insbesondere Kindertagesstätten und Vorschulen, als Schlüsselumgebungen für Präventivmaßnahmen hervor“, fügt er hinzu. Die länderübergreifenden Vergleiche legen nahe, dass soziale und umweltbedingte Faktoren auf eine Weise verändert werden können, dass das Infektionsrisiko gesenkt wird, und zwar insbesondere durch politische Maßnahmen, die auf Kinderbetreuungseinrichtungen, die Wohnqualität, die Unterstützung der Eltern und gesundheitsförderndes Verhalten in der frühen Kindheit abzielen. „In den Ergebnissen treten die Orte der frühen Kindheit, insbesondere Kindertagesstätten und Vorschulen, als entscheidender Ansatzpunkt für Präventivmaßnahmen hervor“, berichtet Avraam. „Diese Erkenntnisse können Maßnahmen untermauern, mit denen Infektionsschutzmaßnahmen gestärkt, Belüftungs- und Hygienestandards verbessert und gesündere Umgebungen in der frühen Kindheit gefördert werden.“ Avraam wird die Arbeit fortsetzen, um die komplexen Zusammenhänge zwischen sozioökonomischer Benachteiligung und Atemwegsinfektionen im Kindesalter aufzudecken. Außerdem plant er, gemeinsam mit den Kohortenpartnern länderübergreifende kontextbezogene Faktoren zu betrachten und diese Forschung auf andere Gesundheitsfolgen bei Kindern auszuweiten, beispielsweise psychische Gesundheit und Adipositas, und das letztlich mit dem Ziel, Erkenntnisse zu gewinnen, die dazu beitragen, europaweit gesundheitsbezogene Ungleichheiten bei Kindern zu verringern.