Das europäische Gesundheitswesen mittels Innovationsbeschaffung revolutionieren
Die europäischen Gesundheitssysteme stehen vor der Herausforderung alternder Bevölkerungen, wachsender Multimorbidität, fehlender Arbeitskräfte und Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig schreiten die digitalen Technologien und die personalisierte Medizin so schnell voran, dass die öffentlichen Systeme nicht Schritt halten können. Das Ergebnis ist eine immer größer werdende Kluft zwischen dem technisch Möglichen und der routinemäßigen Versorgung der Bevölkerung. Die Innovationsbeschaffung ist eines der wirksamsten Instrumente der EU, um diese Kluft zu überbrücken. Die Innovationsbeschaffung ist ein strategisches innovationspolitisches Instrument, das Behörden dabei helfen soll, ungedeckte Bedarfe zu artikulieren, kreative Marktanreize zu setzen und gemeinsam bahnbrechende Lösungen zu entwickeln. Vor allem die vorkommerzielle Auftragsvergabe (PCP, Pre-commercial Procurement) ermöglicht öffentlichen Auftraggebern eine Steuerung der Forschung und Entwicklung im Frühstadium, wenn es noch keine geeigneten Produkte gibt, sowie die Förderung von Innovationen. Die PCP verringert die Risiken, die traditionell mit der Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen sowie der Einführung neuer Technologien verbunden sind, und stellt gleichzeitig sicher, dass die Lösungen den klinischen, organisatorischen und gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen. Mit diesem Ansatz werden mehrere der hartnäckigsten Hindernisse für Innovationen im Gesundheitswesen direkt adressiert. Durch die PCP werden öffentliche Investitionen in unerprobte Technologien vermieden, da die Kosten für FuE mit den Anbietern geteilt und die Lösungen vor der großmaßstäblichen Bereitstellung validiert werden. Gleichzeitig wird der Marktzugang für Unternehmen gefördert, insbesondere für KMU und Start-ups. Da die PCP kleineren innovationsfördernden Beteiligten einen klaren Weg zur Weiterentwicklung ihrer Produkte und zum Aufbau von Vertrauenswürdigkeit bei den Auftraggebern eröffnet, stärkt sie das europäische Innovationsökosystem. Die Vorteile gehen über einzelne Technologien hinaus. Die Innovationsbeschaffung beschleunigt die Markteinführung innovativer Lösungen und sorgt dafür, dass vielversprechende Ideen in greifbare Ergebnisse umgesetzt werden. Gerade im Bereich der Gesundheitsversorgung, wo ein hoher Bedarf herrscht, die Entwicklung von Innovationen aber zeit- und kostenaufwendig ist, ist dies von entscheidender Bedeutung. Die PCP trägt ebenfalls zu den weiter gefassten strategischen Zielen Europas bei: die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, die Verringerung der Abhängigkeit von externen Anbietern und der Aufbau resilienterer, interoperabler und stärker an der Patientenschaft orientierter Gesundheitssysteme. In Anbetracht des bevorstehenden Wandels auf dem europäischen Gesundheits- und Pflegesektors, zeichnet sich die Innovationsbeschaffung als Katalysator für systemische Veränderungen aus. Im Letta-Bericht „Weit mehr als ein Markt“(öffnet in neuem Fenster) vom April 2024 wird die Innovationsbeschaffung als „einer der wichtigsten Hebel zur Unterstützung von Start-ups, Scale-ups und KMU bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen“ bezeichnet. Der im selben Jahr veröffentlichte Heitor-Bericht „Abstimmen, handeln, beschleunigen“(öffnet in neuem Fenster) empfiehlt Europa, „die Kraft der Nachfrage durch die Entwicklung eines Innovationsbeschaffungsprogramms zu entfesseln.“ Für 2025 kündigte die Kommission im Rahmen der EU-Strategien für Biowissenschaften und für Start-ups an, dass sie die Anwendung der Innovationsbeschaffung in der gesamten EU ausweiten möchte. Im Rahmen der verbleibenden Fördermittel von Horizont Europa werden in den kommenden Jahren mehr als 80 Mio. EUR in die Unterstützung der Innovationsbeschaffung investiert, um in einer Vielzahl von Anwendungsbereichen Herausforderungen im Gesundheitssektor anzugehen, darunter der Zugang zu personalisierter Pflege, Krebsbehandlungen(öffnet in neuem Fenster), Experimentierräume und die gesundheitliche Anpassung an den Klimawandel(öffnet in neuem Fenster). Darüber hinaus verfolgt das Programm EU4HEALTH 2026 ebenfalls einen PCP-Ansatz zur Finanzierung der Entwicklung neuer Behandlungsmethoden für Infektionskrankheiten(öffnet in neuem Fenster). Durch die Abstimmung der Bedarfe im öffentlichen Sektor mit dem Marktpotenzial wird sichergestellt, dass Innovationen der Gesellschaft zugutekommen, die strategische Autonomie stärken und bessere Ergebnisse für die Bevölkerung und Patientenschaft in der gesamten Europäischen Union ermöglichen. Die in diesem Paket vorgestellten Projekte verdeutlichen, wie ein breites Spektrum von gesundheitlichen Herausforderungen durch die Innovationsbeschaffung angegangen werden kann. Mit dem Schwerpunkt auf der Gesundheitsversorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen haben Carematrix PCP, INCAREHEART und CRANE digitale Plattformen entwickelt, die der Ärzteschaft, dem Pflegepersonal und der Patientenschaft dabei helfen, die Betreuung effektiver zu koordinieren. Die vorkommerzielle Auftragsvergabe kann zudem die strategische Resilienz und Innovationsfähigkeit auf Systemebene voranbringen. Um die Versorgungssicherheit in Krisen wie Pandemien und Hitzewellen zu gewährleisten, hat Projekt DYNAMO dazu beigetragen, Gesundheitsbehörden mit Planungsinstrumenten für eine schnelle, datengestützte Gesundheitsversorgung auszustatten. Procure4Health stärkte das Ökosystem rund um die Innovationsbeschaffung an sich, indem die Gesundheitssysteme dabei unterstützt werden, von einer Ad-hoc-Beschaffung auf koordinierte, bedarfsorientierte Innovationsstrategien umzustellen. Die restlichen Projekte konzentrierten sich die auf moderne Diagnostik und personalisierte Medizin. Instand NGS4P und oncNGS optimieren die Arbeitsabläufe bei der Sequenzierung der nächsten Generation und der Flüssigbiopsie, damit aus genomischen Erkenntnissen ein echter klinischer Nutzen geschöpft werden kann, während TIQUE und ROSIA diesen personalisierten Ansatz auf eine Überwachung und Rehabilitation aus der Ferne mittels KI und intelligenter Systeme ausweiten, um die häusliche Gesundheitsversorgung der Patientenschaft zu unterstützen.